Enzensberger
Herrn Zetts Betrachtungen

“Der unorganisierte Antisemitismus ist allerdings oft schwer zu erkennen. Denn - und das ist die ZWEITE THESE - der Antisemitismus ist keine Theorie. Und zwar nicht nur deshalb nicht, weil er in intellektuellen Kreisen, also unter jenen, die die Theorie schaffen, kompromittiert ist. Er ist vor allem deswegen keine Theorie, weil er, wie die meisten Erscheinungen, die im Kampf gegen den Fortschritt entstehen, dem Wesen nach irrational ist und daher jeder Kritik unzugänglich, hoffnungslos sinnlos. Er ist keine Doktrin, die kritisiert werden kann, sondern eine Haltung, deren soziale Wurzeln so geartet sind, daß sie keine Begründung erfordert. Man kann ihm keine Argumente entgegensetzen, denn er ist mit einer Reaktionsart verbunden, der die Beweisführung als Denkform fremd und verhaßt ist. Er ist ein Mangel an Kultur und Menschlichkeit, etwas, was im Gegensatz zu Theorie und Wissenschaft steht. Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen.”
— Kolakowski, Leszek (1964 [1956]): Die Antisemiten. Fünf keinesfalls neue Thesen als Warnung. in: Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein: 182 f. 
“Wir leben in keiner revolutionären Situation, und eigentlich ist es schlimmer als je. Das Grauen besteht darin, daß wir zum ersten Mal heute in einer Welt leben, in der man sich das Bessere gar nicht mehr vorstellen kann.”
— Horkheimer, Max; Theodor W. Adorno: Diskussionen über Theorie und Praxis, 1956, HGS 19, S. 70

(via hintergrundrauschen)

Das Disparate gegen die Klassifizierung – Das Disparate hat Vorteile, von denen sich die Vernunft nichts träumen lässt. So praktisch sie ist und sosehr sie die Dinge beschleunigt – Ordnung beengt. Sie dient der Bewegung und gebietet ihr doch Einhalt. Unverzichtbar für das Tun, droht die check list zugleich die Fruchtbarkeit des Entdeckens abzutöten. Die Unordnung dagegen läßt frische Luft herein, wie eine Maschine, die Spiel hat. Das Spiel macht erfinderisch. Der gleiche Spielraum tat sich einst zwischen dem Hals und dem abgeschlagenen Kopf des heiligen Dionysius und heute zwischen Hals und Kopf seiner Nachfahren auf. Folgen wir Däumelinchen [der Digital Native – D.] in ihren Spielen und beherzigen Boucicauts [dem Erfinder der labyrinthischen, weil unverhoffte Funde versprechenden Verkaufsfläche – D.] serendipinen Einfall, den sich seither alle Supermärkte zu eigen gemacht haben. Bringen wir die Departementalisierung der Wissenschaft durcheinander, platzieren wir den Fachbereich für Physik neben der Philosophie, setzen wir den Linguisten die Mathematiker vor die Nase. Gehen wir selbst ins Detail, schlagen wir die Lehrinhalte in Stücke, auf daß ein Forscher gleich vor der Tür einem anderen begegnen möge, der unter einem fremden Himmel geboren wurde und eine fremde Sprache spricht. Er käme weit herum, ohne sich von der Stelle rühren zu müssen. So nähme den Platz des rationalen castrum der römischen Armee, durch rechte Winkel quadriert und in geschlossene Kohorten unterteilt, ein Mosaik ungleichartiger Stücke ein, so etwas wie ein Kaleidoskop, die Kunst der Intarsie, ein Potpourri. In meinem Buch Le Tiers-Instruit, etwa: Der unterrichtete Dritte, habe ich bereits von Universitäten geträumt, deren Raum inhomogen sein sollte, fleckig, gescheckt, bunt, getigert, von Konstellationen durchzogen – real wie eine Landschaft! Während man immer weit laufen mußte, um zum Anderen zu kommen, ja daheim blieb, um ihn gar nicht erst zu hören, wäre er mit einem Mal, unversehens, schon da, bevor man sich überhaupt auf den Weg machen müßte. Stets noch haben jene, deren Werk allen Klassifizierungen hohnspricht, um seine Saat nach allen Seiten auszustreuen, den Erfindergeist befruchtet, während die pseudo-rationalen Methoden noch nie zu irgend etwas gut gewesen sind. Wie können wir die Seite um- und neuschreiben? Indem wir uns die Ordnung der Gründe, der rationes, aus dem Kopf schlagen. Ordnungen, ja. Aber ohne Grund. Es braucht eine neue Vernunft. Der einzig authentische intellektuelle Akt ist die Erfindung. Halten wir uns also lieber an das Labyrinth der Microchips. Hoch lebe Boucicaut! ruft Däumelinchen. Und hoch lebe meine Großmutter!”
— Michel Serres: Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation
“Die Erkenntnis, nichts Besonderes zu sein, überfällt die meisten Menschen einmal in ihrem Leben, nicht selten gegen Ende der Schulzeit oder zu Beginn der Berufsausbildung, und die intelligenteren eher als die unintelligenten. Aber nicht alle leiden gleich stark darunter. Wer mit den Idealen des persönlichen Verdienstes, der Leistung, des Herausragens als Kind nicht ausreichend vertraut gemachten worden ist, wird das Bewusstsein blasser Durchschnittlichkeit vielleicht hinnehmen wie eine zu große Nase oder zu dünnes Haar. Andere wieder reagieren darauf mit den bekannten Fluchtbewegungen, die von exzentrischer Kleidung über exzentrisches Leben bis hin zur ehrgeizigen Suche nach einem Selbst reichen können, das im eigenen Innern vermutet wird wie ein prächtiger verborgene Schatz, welchen die gnädige Psychoanalyse auch dem letzten Trottel zugesteht. Und die Sensiblen reagieren mit einer Depression”
Wolfgang Herrndorf, Sand.

(via abgrundtiefe)